SARAH CHICHE: LIEBEN und LEBEN ist das Gleiche.
"Das Schreiben ist das wesentliche Ziel meiner Existenz", erklärt die rätselhafte Sarah Chiche und präzisiert: "Ich bin Schriftstellerin und Psychoanalytikerin und nicht umgekehrt", da sich der Wunsch zu schreiben bei ihr im Alter von neun Jahren gebildet hat.
Ein Schreibgelübde, besser gesagt, ein geheimes Versprechen, das sie dem Vater gegeben hat. Dieser Vater starb, als sie fünfzehn Monate alt war. Ein "nicht repräsentierter" Vater, da man in diesem Alter keine Erinnerungen hat. Aber ein geliebter Vater, denn "man muss nicht wissen, um zu lieben", sagt sie noch.
Das ist wahr. Und man muss auch nicht wissen, um sich etwas vorzustellen. Das heißt, Bilder zu setzen, wo es keine gab.
Direkter Einstieg in das Schreiben des Traumas, das einzige, das zählt, der Nerv des Krieges. Auf das Leben, gegen den Tod. Ein essentielles Schreiben. Ein großartiges Buch.
In sechs Büchern (L'inachevée, Les enténébrés, Saturne...) und drei Essays (darunter Une histoire érotique de la psychanalyse ) zieht Sarah Chiche eine glühende Linie in der französischen Literaturlandschaft. Sie arbeitet mit ihrem eigenen Material, ihrer Familiengeschichte, und nährt sich von der Welt um sie herum, aber auch von ihren Lehrern, den großen Figuren der Psychoanalyse, und vor allem nicht von den Gurus der Selbstentwicklung, die sie verabscheut. Ihre eminent romanhafte Geschichte beginnt in Algerien, wo Emile, der Vater ihres Vaters Harry und ihres Onkels Armand, geboren wurde. Der Patriarch leitete ein medizinisches Imperium, das er zur Zeit des Krieges aufgeben und in Frankreich wieder aufbauen musste. Eine Geschichte über einen abtrünnigen Sohn (Harry). Von einer unerwünschten Schwiegertochter (seiner Mutter Eve). Von Zerbrechlichkeit, aber auch von Feigheit, Egoismus und vorgezeichneten Wegen, die ganze Leben erdrücken.
Und dennoch: Lieben. Lieben wie ein Befehl. Lieben wie eine Rebellion. Lieben statt geliebt zu werden.
Lieben als Plädoyer für das Leben, der leuchtende Ausgang dieses Buches der Reife. Schluss mit der Dunkelheit.
Sarah Chiche, ernstes Gesicht und üppiges Haar. Bestätigte Ernsthaftigkeit, aber ungezügelte Komik. Fast fünfzig Jahre alt. Am kommenden 21. Mai.
Sarah Chiche, die einzige Schriftstellerin, die nicht lächelt, wenn sie in La Grande Librairie eingeladen ist, sondern dem Moderator so zuhört, wie man sich vorstellt, dass er seinen Patienten zuhört, d. h. mit der wohlwollenden Neutralität, die Psychiatern eigen ist.
Samstag, den 16. Mai 2026 ab 19.30 Uhr.
Eintritt frei.